DIE WAHRHEIT UND NICHTS ALS … | Die Geschichte muss nicht stimmen, sie muss sich nur gut anhören

Das wird jetzt kein Plädoyer für Fake-News, eher eins für den selektiven Umgang mit Wahrheit. Also:

Die RMS Olympic der britischen White Star Line Reederei wurde 1909 gut drei Monate vor ihrem Schwesterschiff, der RMS Titanic, auf der Werft Harland & Wolff in Belfast „auf Kiel gelegt“. Sie befuhr von ihrem Stapellauf im Oktober 1910 bis zu ihrer Außerdienststellung im März 1935 nahezu problemlos die Weltmeere und überstand sogar ihre Marine-Einsätze als Truppentransportschiff während des gesamten 1. Weltkriegs unbeschadet, was der Olympic den Spitznamen „Old Reliable“, (übersetzt: die „alte Zuverlässige“) einbrachte. HIER kann man vieles über dieses Schiff nachlesen.

Obwohl sie, bei völlig identischen Daten und Maßen, von der Machinenleistung her sogar ein Vielfaches mehr zu bieten hatte, als die Titanic (vgl. Olympic = 43.394 kW Dampfkesselleisting / Titanic = 37.510 kW), spach die Welt seit der Kollision der RMS Titanic mit einem Eisberg am 14. April 1912 und ihrem tragischen Untergang mit rund 1500 Todesopfern nur noch allein von der Titanic als dem „größten Passagierschiff der Welt“. – Warum tun wir das? Was steckt dahinter?

Das Schöne an diesem Beispiel ist, dass es einen Aspekt der Wahrheit hinter Nachrichten beleuchtet, der exemplarisch für viele Dinge im Bereich der Informationspolitik steht. Dabei ist es auch von Interesse, zu wissen, dass die irische Werft Harland & Wolff jahrzehntelang peinlichst darauf bedacht war, nicht zu erwähnen, dass sie dieses untergegangene Meisterwerk der Schiffbaukunst zu verantworten hatte. Den Namen Titanic in Zusammenhang mit Harland & Wolff Ltd. zu erwähnen wurde von der Werft zu einem Tabu erklärt. Das änderte sich erst mit dem durch die Entdeckung des Wracks durch Jean-Louis Michel und Robert Ballard ab 1985 gesteigerten Öffentichkeitsinteresse und seit dem großen Publikumserfolg der Kinofilms „Titanic“ von James Cameron wirbt man in Belfast wieder stolz damit, der Erbauer genau dieses Ozeanriesens zu sein.

Doch wieder zurück zur RMS Olympic. Der erste Vorläufer ihrer weltbekannten Werft wurde 1851 gegründet, doch bereits 1854 übernahm Sir Edward J. Harland dieg Leiter und später ihr Eigner. Finanziel unterstützt wurde er durch den Schwaben Gustav Christian Schwabe, der Harland seinen Neffen, den deutschstämmige Schiffsbau-Ingenieur Gustav Wolff, als Konstrukteur empfahl, der vom Eigner wenig später zum Partner erklärt wurde: so entstand der Name der Schiffswerft.

Schwabe war es auch, der Thomas Henry Ismay, den Gründer der White Star Line dazu brachte, deren Schiffe bei Harland & Wolff bauen zu lassen. Harland & Wolff erledigte auch ständig Aufträge für die britische Kriegsmarine Royal Navy. Während der beiden Weltkriege entstanden bei der Werft unzählige der vielen Typen an Standard-Frachtern und auch die Olympic konnte so 1914 schnell zum Truppentransportschiff umgebaut werden. Allerdings brachte der Untergang der RMS Titanic immense finanzielle Forderungen gegen die White Star Line mit sich, von deren Folgen und Verlusten sich die Schiffahrtslinie nie wieder erholte. In den frühen 1930er Jahren fusionierte sie mit der Cunard Line, wobei bei der Zusammenlegung beider Flotten fast alle ehemaligen White-Star-Schiffe ausgemustert wurden.

Nur verständlich, dass man nach dem Untergang der Titanic deren Schwesterschiffe (zu denen neben der Olympic auch die 1914 bereits in Auftrag gegebene RMS Britannic gehörte) eher zurückhaltend erwähnte und bewarb und sich eher auf die „Big Four“-Passagierschiffe Adriatic, Baltic, Cedric und Celtic (allesamt erheblich kleiner als die sog. Olympic-Klasse) konzentrierte. Der Grundsatz „Größer, schneller, luxuriöser“ lies sich schließlich nicht mehr aufrecht erhalten – den Passagierne ging es von nun ab mehr um die Sicherheit.

Ganz offensichtlich urteilte man bei der White Star Line, dass die jahrelange Beständigkeit und zuverlässige Leistung der RMS Olympic den erheblichen Image- und Vertrauensverlust des Titanic-Untergangs nicht wettmachen konnte und so kam es zu den Fake-News, dass das Unglücksschiff den Mythos „Größtes Passagierschiff der Welt“ erhielt, da fortan im Passagierbereich nur noch kleiner und sicherer gebaut wurde.

Das zeigt, dass es manchmal taktisch klüger sein kann, nicht die ganze Wahrheit zu erzählen und nichts als die (nicht ganze) Wahrheit. Gilt im Übrigen auch für die Pressearbeit von Verwaltungen.

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