VON DER ARISTOKRATIE ZUR BÜROKRATIE | So entstand die öffentliche Verwaltung (1/2)

„Die Vergangenheit sollten wir als Sprungbrett benutzen, nicht als Sofa.“ (Harold Macmillan)

Rainer W. Sauer arbeitet seit 1975 in und mit der Verwaltung. Er gehört zu den erfahrensten Verwaltungstrainern in Deutschland und kann auf über 25 Jahre Coaching zurückblicken. Sauer arbeitet auch als Radiomoderator, Vortrags- bzw. Keynote-Redner, entwickelt mit seinem Team Trainingsmodelle und hat 2020 CBQ gegründet, für das er das Ziel gesetzt hat, Führungskräfte wie Mitarbeitende der Öffentlichen Verwaltung optimal zu trainieren bzw. zu coachen. /// Anhand vielfältiger Praxisbeispiele hilft er Verwaltungen dabei, Optionen zu entwickeln und diese dann in praxisorientierte Ergebnisse zu wandeln, eigene Stärken auszubauen und sinnvoll zu handeln. Dabei regt er an, keine Ausreden gelten zu lassen, Eigenverantwortung zu übernehmen und lateral zu denken. /// Sein Charisma ist auch über den Äther zu erleben: 2000 und 2001 wurde er für seine Hörfunksendungen mit dem TLM-Hörfunkpreis und dem ÖTV-Radiopreis ausgezeichnet. In dem Radio-Podcast „MEINE ART ZU COACHEN“ gewährt Sauer Einblicke in die Grundlagen seiner erfolgreichen Arbeitsmethoden, erlaubt sozusagen den Blick über die Schulter, und verrät darüber hinaus einige seiner erfolgreichsten Coaching-Übungen: von „Mensch ärgere dich – aber richtig“ bis zur „Inspiraterie“, vom Konflikt-Management bis zum Sprint-Coaching.

„Wir sind heutzutage an einem Punkt angekommen, an welchem die Informations- und Kommunikationstechnik bzw. die Datenverarbeitung per Personal-Computer alle bestehenden Organisationen, inclusive der öffentlichen Verwaltung, nach­haltig ver­ändert.“ – Dies schrieb ich 1993 in einem kleinen Brevier, das den Arbeitstitel „Die neue Verwaltung“ trug, aber niemals als solches publiziert wurde. Lediglich der Personalrat der Stadt Jena, dessen Mitglied ich eine Zeit lang sein durfte, veröffentlichte seinerzeit hin und wieder in seinem Journal PR-INFO den einen oder anderen Text.

Ob es tatsächlich dieser Wendepunkt zu Beginn der 1990er Jahre war, der – wie manche Forscher zu belegen versuchen – in den bundesdeutschen öffentlichen Verwal­tungen zur momentan feststellbaren Orientierungslosigkeit geführt hat oder ob die Gründe hierfür schon weiter zurückliegen, mag dahin­ge­stellt bleiben. Doch wie fing es überhaupt an mit der öffentlichten Verwaltung, der Bürokratie, wie sie auch oft herabwürdigend genannt wir? Und wie hat sich die Füh­rungs­strategie in der Verwaltung über die Jahrhunderte ver­än­dert?

Ob im Neanderthal zu entscheiden war, wer als Jäger auf Beutefang gehen durfte und wer in der Höhle zu bleiben hatte, ob der Bau von Py­ramiden organisiert werden musste, ob die Aufgabe war, die einzelnen Teile des Römischen Weltreiches zusammenzuhalten oder Steuern von den Ländereien eines Gra­fen einzutreiben: Verwaltet wurde schon immer. Und schaut man sich die Beispiele für das Verwalten an, stellt man zumeist fest, dass die für die je­weilige Aufgabe zuständige Verwaltung fest in den Händen der Obrig­keit war. Dies trifft für Monarchien und den Adel genauso zu, wie für die Kirche; es gilt für das Militär ebenso wie für die Ratsherren des Mittelalters.

Nun heißt „verwalten“ in vielen Fällen zugleich auch „organisieren“. So waren zur Zeit der altägyptischen Pharaonen beim Bau jeder der fast 70 Pyramiden in der nähe­ren Umgebung von Kairo für eine durchschnittliche Bauzeit von etwa zwei Jahrzehnten jeweils saisional größere Ansiedlungen zu errichten, denn man konnte an den Pyrami­den nur in den drei Monaten der jährlichen Nil-Überschwemmung bauen. Somit beschränkte sich die Versorgung der etwa 100.000 Arbeiter mit Le­bens­mitteln auf eben diesen Zeitraum eines jeden Jahres und war nur mit einem hohem or­gani­sa­torischen Aufwand zu be­wältigen.

Andere Probleme stellte die Aufgabe der Verwaltung im römischen Weltrei­ch dar, das sich im 1. Jahrhundert v. Chr. (= der Zeitpunkt seiner größten Aus­deh­nung) aus mehreren Millionen Menschen unterschiedlichster Kulturbereiche zu­sam­mensetzte. Die Bevölkerung jener Zeit gliederte sich in drei Klassen auf. So gab es freie d. h. vollberechtigte Bürger, halbfreie Bürger und rechtlose Skla­ven. Die Gewalt ging von den drei Säulen des Systems aus, die man auch heute noch in Deutschland kennt: dem Volk (ausgeübt durch Volksversammlungen), dem Senat (sprich: der eigentlichen Ver­waltung) und dem Magistrat (= dieser bestand aus vom Volk gewählten und ehrenamtlich tä­tigen Beamten).

Ein Mitglied des Magistrates konnte als Quästor und Tribun zum Prätor aufsteigen. Prätoren waren die obersten Richter, die nach Ablauf ihres (Ehren-)Amtes in der Regel zum Stadthalter einer Provinz ernannt wurden. Ein ambitionierter Prätor konnte aber auch zum Konsul auf­steigen. An der Spitze des Staates standen (nach Abschaffung des Triumphira­tes) dann nur noch zwei mit vielen Machtbefugnissen ausgestat­tete Konsuln. Alle zwei Jahre wurden durch Zensoren Volkszählungen vor­genommen, wel­che mit einer Schätzung des Volksvermögens verbunden wa­ren. Die Verwal­tung der Finanzen oblag den Quästoren und stand unter der Oberleitung des Senats. – Soviel zur Theorie.

Rom war die Haupt­stadt, das Zentrum der alten Welt, andere italienische Städte hatten bevorzugte Rechte, den Kolo­nien mit großen Städten des römischen Reiches außerhalb des italienischen Kernlandes folgten in der Hierarchie des Römischen Staates die Provinzen und dann die restlichen Gerichts- und Steu­ersprengel. Wie wir alle spätestens aus Hollywood-Filmen gelernt haben, war ein gut organisiertes Heereswesen Grundlage der Macht, Stabilität und Ausdehnung des römischen Rei­ches: Legionen mit jeweils etwa 12.000 Legionären. Auch hier war viel zu verwalten, denn das Soldatentum entwickelte sich über dei Jahrzehnte allmählich zu ei­nem eigenen Berufsstand. Die Legionäre erhielten neben Sold und Beute­zuteilung zudem nach ihrem Ausscheiden aus dem aktive Dienst eine Versor­gung in Form von Ländereien.

Keine Blasphemie sondern eine schlichte Feststellung ist es, die christliche Kir­che als das vielleicht bis heute stabilste durchgehende Verwaltungs-, Ordnungs- und Organi­sations­system zu bezeichnen. Sie konnte sich wenige Jahrhunderte nach dem Ze­nit des römischen Rei­ches etab­lieren und die Kirche hat sich interessanterwei­se gar nicht einmal so sehr unterschiedlich zum römischen System entwickelt. So ist etwa die rö­misch-katholische Kirche [sic!] ebenfalls geprägt durch eine strikte hierarchische Ord­nung, nur eben mit einem Papst anstelle des Cesaren an der Spitze. Dieser besitzt die höchste Leitungsgewalt über die Gesamtkirche mit ihren Diöze­sen, Bistümern, Dekanaten und Pfarreien. Die in Rom ansässigen Kardinäle (ihre geinsames Auftreten wird Kurie genannt) bera­ten den Papst, der ja selbst aus ihrer Mitte gewählt wurde. Gesand­te werden vom Vatikanstaat zur Pflege diplomatischer Beziehungen in frem­de Staaten ent­sandt oder zur Regelung kirchlicher Verhältnisse eingesetzt.

Das Konzil mit den Bischöfen und dem Papst als Vorsitzendem ist die höchste Gewalt in der katholischen Kirche, jedoch bilden die Bischofskonferenzen eine eigenständige, mit bestimmten hoheitlichen Kompetenzen ausgestattete, hier­archische Instanz. Jedem Bischof wiederum untersteht eine Diözese mit ver­schiedenen Dekanaten unter der Leitung eines Dechanten, in welchen die ein­zelnen Pfarreien liegen. Unterste eigenberechtigte Gewalt in der katholischen Kirche besitzt der Pfarrer.

[„VON DER ARISTOKRATIE ZUR BÜROKRATIE“ | Lesen Sie HIER Teil 2]

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