PFLICHT UND KÜR | Manche Dinge muss man tun, andere können nach freier Wahl getan werden

Der antike Philsosoph und Stoiker Epiktet, der den Fokus auf das Innere des Menschen, auf Körper und Verstand, richtete, sprach in seinen Metaphern und Beispielen stets auch die Verpflichtungen anderen gegenüber an. Diese Pflichten führen nach Epiktet dazu, dass jeder Mensch seine ihm zukommenden Aufgaben zu erfüllen hat. So habe ein Sohn auch einem schlechten Vater gegenüber Pflichten, denn dessen Fehler dürfen ihnnicht dazu verleiten, die eigenen Pflichten zu vernachlässigen oder sein Verhalten zu ändern.

Schaut man sich beispielsweise den Eiskunstlauf an (denn hier wurde der Begriff „Pflicht und Kür“ geprägt) dann umfasst der Pflichtteil eines Wettbewerbs vorgeschriebene Elemente, die zu erfüllen sind. In der Kür dagegen können die SportlerInnen Bewegungsfolgen mehr oder weniger frei auswählen und zusammenstellen und ihrem individuellen Ermessen und Können anpassen. Das ist auch im wahren Leben so, auch wenn hier keine Kampfrichter punktbewerten, was am Ende dabei herauskommt – egal wie hoch die Schwierigkeitsgrade auch sein mögen.

DIE PFLICHT

Es gibt im Leben immer Dinge, die erledigt werden müssen. Damit eine Wohnung / ein Büro keine Messie-Höhle wird, reinigt man sie regelmäßig und sieht zu,dass nicht zu viele Dinge / Akten / Vorgänge herumliegen bleiben. Einer meiner ersten Vorgesetzten beschreb dies Ende der 1970er Jahre einmal mit einem Tischtennis-Spiel und sagte mir: „Wenn der Ball auf ihre Seite des Netzes kommt, dann müssen Sie ihn gleich wieder zurückschlagen, sonst fällt er herunter, Sie müssen ihn suchen und aufsammeln oder er bleibt liegen.“ – Bis heute arbeite ihc noch nach diesem Ratschlag.

Ich wiederum arbeite, wenn es um Regeln geht – und auch das Wort „regelmäßig“ beinhaltet ja solche bereits – oft mit einem Beispiel, auf das mich einst meine Schwiegermutter brachte, als wir im Sonnenschein bei blauem Himmel auf der Fahrt zum Arzt waren. „Heute ist ein schönes Wetter“, sprach sie zu mir und fügte an: „Und das hat auch einen Sinn, dass nicht jeder sich das Wetter machen kann, dass er haben will.“ Ich schaute sie an und sie sinnierte weiter. „Das wäre doch schlimm, wenn der eine sich Regen bestellen könnte, weil er das für den Garten braucht, der andere aber gerade ein Dach deckt oder Wäsche hängt und gar keinen Regen gebrauchen kann.“ Ich nickte. „Und dann der Wind“, sagte sie. „Einer will weniger davon, weil er Angst hat, dass es ihm das Dach wegweht. Und andere wollen mit dem Segelschiff schnell in den Hafen zurück.“

Genau so ist es mit den Pflichten. Wenn jedermann und jede Frau machen könnte, was immer sie / er will, dann wäre es schlecht bestellt um unsere Gesellschaft und (um beim Them azu bleiben) die öffentliche Verwaltung. Es geht mir ncht um die Einhaltung von Gesetzesnormen, denn die sind ja nicht verhandelbar. Es geht darum, dass Dinge erledigt werden müssen und zwar bevor man zum „angenehmen“ Teil seiner Arbeit kommt (= der Kür) und beispielsweise Entscheidungen treffen kann. Oft wird hier aus praktischen Gründen der Kontakt mit dem Bürger vermieden. Einmal sagte ein angesehener Stadtplaner zu mir: „Herr Sauer, sind Sie mir nicht böse, aber den Bürger sehe ich als meinen natürlichen Feind an.“ Es stellte sich anschließend heraus, dass der gute Mann in bester Absicht plante und plante und am Ende „die Bürger“ ihm alles wieder „um die Ohren hauen.“

Ich hatte schon einmal an anderer Stelle darüber berichtet, dass ich dies völlig anders sehe, da „der Bürger“ auch diesen Mann und dessen Privatleben über Steuergelder mitfinanziert und schon aus diesem Grund keine Verachtung verdient. Prof. Dr. Franz Walter von der Universität Göttingen hat gemeinsam mit weiteren Autoren in einem hervorragend zuammengestellten Buch, das den Titel trägt „Die neue Macht der Bürger“, die Ansprüche vieler Bürger den Fehlern der Verwaltungen im Umgang mit ihnen gegenüber gestellt und im Sinne des Konflikteskalationsmodells von Friedrich Glasl aufbereitet. Hier lege und trainiere ich Verwaltungen im CBQ Modul „Kommunikation“ die Pflicht an, Bürger wirklich ernst zu nehmen und zeige auf, wie dies langfristig Vertrauen aufbauen kann.

DIE KÜR

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Geschrieben von und © 2019 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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