AUS DER NOT EINE TUGEND MACHEN | oder: Das einzig Kontinuierliche ist Veränderung (1)

Rainer W. Sauer arbeitet seit 1975 in und mit der Verwaltung. Er zählt zu den erfahrensten Verwaltungstrainern in Deutschland und ist zudem Team- und Individual-Coach. Sauer arbeitet auch als Radiomoderator, Vortrags- bzw. Keynote-Redner, entwickelt mit seinem Team Trainingsmodelle und hat 2020 CBQ Verwaltungstraining gegründet, um Führungskräfte wie Mitarbeitende der Öffentlichen Verwaltung optimal zu trainieren bzw. zu coachen. /// Anhand vielfältiger Praxisbeispiele hilft er in diesem Blog Verwaltungen dabei, Optionen zu entwickeln und diese dann in praxisorientierte Ergebnisse zu wandeln, eigene Stärken auszubauen und sinnvoll zu handeln. Dabei regt er an, keine Ausreden gelten zu lassen, Eigenverantwortung zu übernehmen und lateral zu denken. /// Sein Charisma ist auch über den Äther und im Netz zu erleben: Anfang der 2000er Jahre wurde Rainer W. Sauer für seine Radiosendungen mit mehreren Hörfunkpreisen ausgezeichnet. In seinem regelmäßigen ZONO Radio-Podcast „Meine Art zu coachen“ (der in Auszügen auch bei YouTube abrufbar ist) gewährt Sauer Einblicke in die Grundlagen seiner Arbeitsmethoden, erlaubt sozusagen den Blick über die Schulter, und verrät darüber hinaus einige seiner Coaching- bzw. Trainings-Übungen von „Mensch ärgere dich (…aber sinnvoll)“ bis zur „Inspiraterie“, vom Konflikt-Management bis zum Sprint-Coaching.


„Wiederholung ist eine Form von Veränderung. Spielt man zum Beispiel eine Sprachaufnahme in einer endlosen Schleife ab – wie ein simples ’something like‘ – fängt man nach einer Weile automatisch an, etwas anderes zu hören, wie ’sun light‘. Und das liegt am Gehirn, das durch die permanente Wiederholung so gelangweilt ist, dass es daraus etwas anderes macht.“ (Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno, kurz: Brian Eno)

Im Laufe eines Lebens hat ein Mensch viele Vorbilder. Kein Mensch kommt ohne sie aus. Man orientiert sich an ihnen, kopiert oder ahmt das nach, was sie machen. Sie stehen Modell für das eigene Leben, wenn man / frau sich mit ihnen identifizieren kann, als Lehrer, Meister, Kollege/Kollegin. Idole hingegen sind Personen, die ihre Ideen konsequent in ihrem Leben umgesetzt haben, in der Musik und Kunst, der Politik, der Gesellschaft, im Sport. Mensch findet an ihnen vielleicht ihre Ausstrahlung oder das Charisma faszinierend, an Sportlern deren Kondition, Ausdauer oder Können, oft blenden Aussehen und Auftreten eines Idols oder die Stimme begeistert.

Idole sind also Menschen, die uns beeindrucken und den Wunsch in uns hegen, es ihnen in irgendeiner Art gleichzutun. Wie kann ich nur so werden, wie mein Idol, ist ein viel geäußerter Wunsch. Jedoch sind auch Idole nur ganz normale Menschen, sind ebenso fehlbar und verletzlich wie man selbst. Und wenn das, was sie tun und können, für Außenstehende unendlich leicht aussieht, ist es meist doch eine Mischung aus Talent und harter Arbeit. Deshalb sind es eher die Ideale, die Ansichten und Weisheiten unserer Idole, die uns ein Leben lang begleiten.

Ich habe in meinen Blog-Artikeln ja schon angedeutet, wen ich zu meinen Idolen zähle. Zu ihnen gehört auch Brian Eno, ein britisches Allroundtalent, der seit den frühen 1970er Jahren kontinuierlich Neuerungen in Musik und Kunst einführt – als Pionier, der Spuren hinterlässt. Ihm geht es dabei nicht ums Geld, das er über die Jahre reichlich verdient hat, sondern um Anerkennung. Eno möchte nicht nur beachtet werden, nein, er möchte in die Historie eingehen und gibt dies auch offen zu. So sagte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Das war mir schon immer wichtig – selbst, wenn es egoistisch ist. Aber zumindest bin ich ehrlich. Ich denke, Leute arbeiten entweder für Geld oder für Ruhm. Und ich arbeite für Ruhm. Es ist eine fantastische Sache, fast 70 zu sein und noch wie ein Kind denken und spielen zu können. Das ist es, was ich tue. Ich bin ein Kind mit einem Malkasten.“

Sein Malkasten ist die Technik. Als bekennender Electronic-Junkie arbeitet er mit allen Formen von Computern, Mobiltelefonen, Synthesizern und dem Internet als Speichermedium für seine Konzepte, Bilder, Klänge und Ideen. Brian Eno nutzt dies alles gezielt, um eigene Kunstinnovationen einzuführen, bis hin zu Konzepten für generative Musik. Jedoch ist er inzwischen über 70 Jahren alt und hat das Gefühl, dass ihm langsam die Zeit wegläuft, dass er vielleicht nicht mehr alles umsetzen kann, was er sich für sein Leben noch vorgenommen hat – kurzum: dass sein Forscherdrang durch das Alter ausgebremst werden könnte.

Brian Eno Buch, iPod Shuffle, Oblique Strategies, Ägyptischer Würfelhocker. – Foto: Rainer W. Sauer

Ich selbst hatte vor Jahren, kurz nach den Vorfällen des 11. Septembers, einen kleinen Disput mit einem bekannten Rockpoeten und Literaten, als ich ihn fragte: „Wann ist bei Dir das Ende des Anfangs Deines Lebens erreicht und wann beginnt der Anfang des Endes?“ Obwohl der Ansatz der Frage eher philosophisch war, ging sie ihm auch unter die Haut. Er habe in den letzten vier Jahrzehnten eine Menge Texte geschrieben, die er nie veröffentlicht habe, sagte er mir. Und dass er nicht so recht wüsste, was er damit noch anfangen könne. Aber über das Ende nachdenken, dass sei für ihn noch zu früh, er mache so produktiv weiter wie bisher, sprach er.

Ich sagte ihm, dass man im Leben auch lernen müsse, loszulassen: „In der heutigen Welt passiert so viel, da müssen wir uns auch mal ausruhen, durchatmen, alles sacken lassen und anderen zuhören. Vielleicht braucht man das als Künstler, wenn man sich neu erfinden will. Die Zeit mit etwas zu verbringen, bei dem nicht viel passiert – keine geskriptete Handlung, keine Story für die Presse, keine ausgereizten und abgenutzten Stilelemente. Vielleicht ist gerade das, was man braucht, um glücklich zu sein.“

1970 schuf Peter Schmidt, ein in Berlin gebürtiger britischer Künstler, mit „The Thoughts Behind the Thoughts“ (deutsch. „Die Gedanken hinter den Gedanken“) eine Schachtel mit 55 Drucken, die sich bis zu diesem Zeitpunkt in seinem Atelier angesammelt hatten – sie befindet sich bis heute im Besitz von Brian Eno. Eno, der lange mit Schmidt befreundet war, verfolgte zu dieser Zeit ein eigenes Projekt, das jedoch auf handschriftlich verfassten Karten mit Gedanken basierte. 1974 kombinierten Schmidt und Eno beide Konzepte zu einem einzigen Kartenspiel namens „Oblique Strategies“ (deutsch: „Schräge Strategien“) und boten es zum allgemeinen Verkauf an. Das Set durchlief drei Auflagen in limitierter Auflage, bevor Schmidt Anfang 1980 verstarb.

In seinem 1996 erschienenen Buch „A Year with Swollen Appendices“ (ein Wortspiel, dass in deutsch sowohl: „Ein Jahr mit geschwollenen Blinddärmen“ als auch „Ein Jahr mit geschwollenen Anhängseln“ heißen könnte) beschrieb Brian Eno, weshalb er die „Schrägen Strategien“ neu auflegen ließ und in den Verkauf brachte. Er, der Stratege, der die Rock- und Popmusik der letzten 50 Jahre entscheidend mitgeprägt hat und für ein gewaltiges, heterogenes Oeuvre steht, bringt es in der Neuauflage mit wenigen Worten auf den Punkt:

„Die einzelnen Karten sind aus getrennten Beobachtungen der Prinzipien entstanden, die unserem Tun zugrunde liegen. Manchmal wurden das sogar erst im Nachhinein erkannt (wenn der Intellekt die Intuition einholt), manchmal entstanden sie aus Geschehenem, manchmal wurden sie einfach so von mir formuliert. Sie können wie folgt genutzt werden: wenn in einer Arbeitssituation ein Dilemma auftritt, zieht man eine einzelne Karte aus dem gemischten Stapel. Auf jeden Fall sollte der zufällig gezogenen Karte vertraut werden, selbst wenn einem ihr Sinn noch ziemlich unklar ist.“

Als häufiger Nutzer der Karten, und dies schon seit Jahrzehnten, kann ich sagen: Die Sache funktioniert!

Geschrieben von und © 2021 für Rainer W. Sauer / CBQ Verwaltungstraining

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